[off-topic] Suche September 2016, biete alles

Es fühlt sich an, als wäre der August direkt in den Oktober übergegangen. Die vier Wochen dazwischen? Hat es nicht gegeben. Hat es natürlich schon, irgendwie, aber ich habe nur existiert, funktioniert, auf jeden Fall nicht gelebt. Warum? Es hat gekracht, unvermittelt, ganz laut – in mir drin. Sekundenbruchteile, die mich von jetzt auf gleich in ein düsteres, tränenreiches, sorgenerfülltes, angespanntes Dasein katapultieren. Der Moment war ein Telefonat an einem Sonntagabend Anfang September. Es hatte in der Realität gekracht, auf einer Straße in Italien. Mein Freund hatte einen Motorradunfall.

Um es gleich vorweg zu nehmen: eine Armee von Schutzengeln war zur Stelle. Anders ist es nicht zu erklären, dass der Crash – aus heutiger Sicht – für alle Beteiligten mehr als glimpflich ausgegangen ist.

Ich habe zunächst nichts richtig realisiert, es war wie eine große, dichte Nebelwolke, die sich binnen Sekunden um meinen Kopf legte. Wie auf Autopilot bin ich nach Italien gefahren. Von den über 700 Kilometern weiß ich nichts mehr, zwei kurze Pausen und weiter. Hochkonzentriert, Hauptsache ankommen. Mit jedem Schritt auf das Krankenhaus zu wurde ich unruhiger. Warum dauert das denn an der Anmeldung nur so lange? Sie müssen doch merken/wissen/ahnen/spüren, dass ich endlich zu meinem Freund will.

Ich hatte mir von diesem Moment, ihn zu sehen, enorme Erleichterung erhofft. Doch die stellte sich nicht ein. Klar, ihm ging es den Umständen entsprechend gut, da jedoch kaum einer im Krankenhaus gutes Englisch geschweige denn Deutsch sprach, waren die Diagnosen nur bruchstückhaft zu verstehen.

Die folgenden Tage waren ein Auf und Ab. Ich wachte mitten in der Nacht mit einem Pulsschlag auf, als wäre ich auf der Flucht. Der erste Griff zum Handy, kurze Erleichterung: keine Nachricht, kein Anruf. Ich war in Daueralarmbereitschaft, hörte mein Handy klingeln, obwohl es stumm war. „Darf er nach Hause?“ „Ja, morgen.“ „Nein, doch noch eine Nacht.“ Die Ärzte nahmen es ernst, meine Nerven nahezu am Ende. Er wurde entlassen, sollte sich jedoch gleich am nächsten Tag noch einmal einem Arzt vorstellen. Die gesamte Heimreise schielte ich mit einem Auge auf den Beifahrersitz. „Alles okay? – meine Standardfrage für die nächsten Wochen. Die erste Nacht zu Hause schlief ich so unruhig wie eine frischgebackene Mutter, die nachts ständig lauscht, ob ihr Baby noch atmet – das geht auch bei einem erwachsenen Mann.

Der Arztbesuch zu Hause zog uns quasi noch einmal den Boden unter den Füßen weg. Erneute Einweisung ins Krankenhaus – zur Sicherheit. Der einzige Vorteil: Wir verstanden die Ärzte. Und nicht nur die, sondern im Rückblick auch die italienischen Kollegen. Sie waren mit der Entlassung so zögerlich, weil sich die Verletzung hätte lebensbedrohlich verschlechtern können.

Zum Glück dauerte der zweite Krankenhausaufenthalt nur wenige Tage und die Gefahr war gebannt. Danach stellte sich immerhin ein klein wenig Erleichterung ein. Ich spürte auf einmal, dass mein ganzer Körper eine einzige Anspannung war. Meine Schultern dauernd hochgezogen, meine Zähne zusammengebissen – und ich konnte nicht lockerlassen. Es könnte ja alles von vorn beginnen, wenn ich nur ein kleines bisschen entspanne. Immer vorbereitet sein! Blog, Sport, Kochen, Freunde? Keine Zeit, keine Ruhe, keine Lust.

Mit der Zeit lichtete sich der Nebel und die ständigen Sorgen, die Anspannung wichen langsam. Dennoch war und ist der Unfall jeden Tag präsent, wie ein ständiger Begleiter, der irgendwann zum Alltag gehört. Sei es durch Arztbesuche oder Versicherungsangelegenheiten, die geregelt werden müssen. Es ist unglaublich, wie der Bruchteil einer Sekunde – zur falschen Zeit am falschen Ort – so weitreichende Nachwirkungen haben kann.

Wir wissen nicht, wie es dem anderen Fahrer geht. Er schien keine schlimmeren Verletzungen davon getragen zu haben. Dennoch versuche ich, mir ein Bild zu machen. Was ist er für ein Mensch? Ein rücksichtsloser Raser? Beschäftigt ihn der Unfall? Tut es ihm leid? Wird er wieder Motorrad fahren? Ich komme natürlich zu keinem Ergebnis, wenngleich ich ihm diese Fragen gern mal stellen würde.

Bei all dem Schrecken, den Schmerzen, Tränen und Sorgen, welche der Unfall mit sich gebracht hat und den Folgen, die immer noch spürbar sind, gab es auch kleine, zum Teil unerwartete und überraschende Lichtblicke. Ich habe sie oft nicht gleich so wahrgenommen, bin im Nachhinein aber wahnsinnig dankbar dafür. Zu allererst sind das Freunde, die einem auch in schlechten Zeiten zur Seite stehen, jederzeit, ungefragt und mit dem Weitblick, der einem in solchen Situationen fehlt. Dann sind das Menschen, vollkommen Fremde, die dich an die Hand nehmen, einen Taxifahrer suchen, der für dich ein Hotel sucht und dann dahin begleiten, oder selbst in Sorge um nahe Angehörige trotzdem die Zeit finden, zwischen den Krankenschwestern und dir zu übersetzen. Drei italienische Zimmergenossen, die trotz Sprachbarriere einfach nur durch ein aufmunterndes Lächeln zeigen, dass sie irgendwie mit dir mitfühlen. Selbst der Blick aus dem Krankenzimmer auf sonnenbeschienene Berge und blauen Himmel hatte – so absurd es klingt – etwas Tröstliches. Genauso wie der erste Löffel einer Gazpacho, die ich mir in einer Mittags-Krankenhaus-Pause genehmigte, obwohl ich gar keinen Hunger hatte.

Gazpacho

Die Frage nach dem „Warum?“ habe ich mir tausendmal gestellt, „Was wäre gewesen, wenn…“-Szenarien im Kopf durchgespielt. Nützt nichts, es gibt einfach keine Antwort. Schicksal, dummer Zufall, Zeichen – was auch immer es war, es ist passiert. Wir sind nur unendlich dankbar für das vielbesagte große Glück im Unglück. Wobei, ich würde dem Schicksal schon gern mal die Frage stellen, warum denn unbedingt der Unfall passieren musste, wo ich doch fünf Tage vorher noch selbst den Motorradführerschein gemacht habe… Aber das ist eine andere Geschichte.

Passt auf euch auf und auf ganz bald!
Claudia.

 

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